Josef Taucher. Malerei. Text.


Helene Romakin | Geologische Annäherungen in der Malerei von Josef Taucher


"for him, mineral nature is a sort of home"

Wilfried Skreiner



Die Darstellung und Repräsentation von Bergen und Felslandschaften bilden einen wichtigen Bestandteil der noch heute vorherrschenden Auffassung von Natur. In ihrer Massivität, Ungreifbarkeit, Zeitlosigkeit und Weite dienen Berge nach wie vor oft als Symbol des Erhabenen, der Andersartigkeit, der Entzogenheit, der Weltfremdheit. Berge formen die Sehnsuchtsbilder eines zurückgezogenen Lebens in der Natur fernab von der Überforderung in der global agierenden Zivilisation. Allerdings bröckelt diese von der Romantik geprägte Vorstellung von der Natur zunehmend: Das "unberührte Andere" existiert nicht mehr, es ist unlängst durch Kultur, Technologie und Industrie beeinflusst oder gar irreversibel zerstört worden. Nicht zuletzt durch die wiederkehrenden Umweltkatastrophen seit den 1970er Jahren und aufgrund des fortschreitenden Klimawandels unterliegt das Naturverständnis kontinuierlichen Veränderungen, die auch von neuen Erkenntnissen aus den Naturwissenschaften untermauert werden.

Natur und Kultur lassen sich nicht mehr eindeutig differenzieren. Die Topografien von Bergen sind nun auch Sinnbilder für menschliche Eingriffe in die Natur. Berge – das sind Bergwerke und Tunnelbauten, geologische Erosionsprozesse und Ökosysteme. Im 21. Jahrhundert ist das Konzept von Umwelt dominiert von einer Situation voller miteinander verschränkter und voneinander abhängiger Umgebungen.

Der Versuch einer Verortung der künstlerischen Praxis von Josef Taucher kann auf unterschiedliche Weisen erfolgen. Naheliegend wäre für die Ausstellung in der Galerie Transit zu behaupten: Josef Taucher ist ein Maler. Beim Durchblättern der Kataloge würde man schnell feststellen, er praktiziert auch Bildhauerei. Und wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt und ein wenig nachliest, erfährt man schnell, Taucher ist auch ein Wissenschaftler. Jahrelang war er aber ebenfalls ein Extremkletterer. Getrieben von seiner Sehnsucht nach dem Freiheitsgefühl in der Natur, verbrachte er Zeit mit Freunden in den Alpen und Dolomiten und überwand die schwierigsten Hindernisse auf dem Weg zur Bergspitze. Durch dieses Klettern weiß er um die Beschaffenheit von Bergen und Felsen. Schließlich lernt der Mensch mithilfe des Tastsinns seine Umwelt kennen. Durch das Anfassen von Oberflächen erfahren wir unter anderem die Gegebenheiten von Materialien. Doch die Erfahrungen, die wir durch die Berührung von Dingen erleben, bergen so viel mehr. Taucher kann einschätzen, wie sich die Berge und Felsen verhalten, wie sie auf das Wetter reagieren und wie sein eigener Körper im Verhältnis zum Körper des Gesteins steht. Über so eine lange Zeit an einer Umgebung im wahrsten Sinne des Wortes, "zu hängen", es mit Geist und Körper zu erfahren, transformiert das eigene Verständnis zu einem komplexen und eigenständig wirkenden Bild. Mit diesem Wissen kommt man im Verständnis von Tauchers Arbeit ein Stück vorwärts, doch wird auch dies der Universalität und Komplexität seiner fiktiven Landschaften nicht gerecht. Denn die Gebirge, Felsen, Himmel sowie die Elemente Luft, Erde und Wasser, die den Betrachter*innen in den ausgestellten Werken begegnen, fordern heraus.

 

Als Kulturwissenschaftlerin interessieren mich Josef Tauchers berufliche und private Begegnungen mit Landschaften. Gerne möchte ich seine Erfahrungen zusammenbringen und argumentieren, dass Taucher in seiner Malerei die persönlichen Erkenntnisse mit und über Felsen, für die Betrachter*innen greifbar und erfahrbar macht; dass er in seinem lokalen Bezug, globale Fragestellungen aufwirft; dass er in seiner Malerei auch die Ausdrucksweisen anderer Medien einschließt; und auch, dass er in seinen Rollen als Wissenschaftler und Künstler von beiden Disziplinen gleichzeitig schöpft und beide sich gegenseitig beeinflussen. Der aktuelle Diskurs um den Begriff des Anthropozäns bietet hier spannende Auslegungen des Umgangs mit Natur, die die Argumentation anreichern können.

 

Im Jahr 2000 führte der Atmosphärentechniker Paul J. Crutzen und der Ökologe Eugene F. Stoermer den Begriff Anthropozän ein, der eine neue Epoche als Folge des enormen menschlichen Einflusses auf die Ökosysteme der Erde ankündigte. Während die geologische Bezeichnung noch nicht endgültig definiert ist, plädieren zahlreiche Wissenschaftler*innen für die Anerkennung einer neuen geologischen Ära, in der die menschliche Aktivität als eine der wichtigsten natürlichen Einflüsse gilt, die die Transformation von geologischen  und ökologischen Umgebungen auf der Erde prägt. Eine der größten Herausforderungen in der dieser Ära betrifft das Verständnis des Planeten "Erde", das sich von der Idee einer unerschöpflichen und sich selbst ausgleichenden Quelle für Nahrung, Wasser und Rohstoffe hin zu einem gefährdeten Ökosystem, gezeichnet von verschmutzten, ausgebeuteten Landschaften und schrumpfender Artenvielfalt, verändert hat. Das zunehmende Bewusstsein und die Beweise menschlicher Eingriffe auf der Erde nehmen Einfluss auf die Wahrnehmung unserer Umgebung und Natur allgemein. Die propagierten Meta-Erzählungen der 1960er Jahre von unaufhörlichem Fortschritt und Wachstum wurden inzwischen durch ruinöse, aber komplexe und multiple Erzählungen in Bezug auf die Nutzung geologischer Ressourcen ersetzt. Dass Tauchers Interesse an Mineralogie und Geologie genau in diese Zeit fällt, ist kein Zufall.

 

Veränderungen in der visuellen Wahrnehmung  und Repräsentation der Natur wurden seit jeher von künstlerischen Bewegungen begleitet. Die in den USA der späten 1960er und Anfang 1970er initiierten Kunstrichtungen wie Land und Environmental Art bilden hier wichtige Meilensteine. Seit den 1960er Jahren und vor allem in den 1990er Jahren wurde Natur nicht mehr als eine Abbildung beziehungsweise Repräsentation einer in sich geschlossenen "Landschaft" visualisiert, sondern in Installationen und Umgebungen, die den komplexen Beziehungen zwischen Natur, Technologie und Kultur sowie die ständige Instabilität ihrer Interdependenzen darstellten. Mit anderen Worten, die Natur ist zu einer sozial und politisch motivierten Landschaft geworden, in der die geologischen und ökologischen Skalen das menschliche Verständnis übersteigen und damit die gemeinsamen Repräsentationssystemen herausfordern. Genau hier schließt die künstlerische Praxis von Josef Taucher an – auf seinem Weg von der kritischen Hinterfragung von Repräsentationsweisen der Malerei über die Methoden der Abstraktion – wie in seinen früheren Werken "Bea T" (1976) oder "Pfefferfresser" (1972) zu sehen – zu der Konkretisierung von Motiven wie zum Beispiel der Felsen in seinen jüngsten Arbeiten. In den Werken mit den ausschlaggebenden Titeln wie "Ausbruch 3", "Ausbruch 8" und "Aufwind 3" spiegelt sich Tauchers wissenschaftliche Beschäftigung und Begeisterung mit und für Natur und insbesondere mit Mineralogie wider, die er zusammen mit Christine Hollerer teilt. Gemeinsam brachten sie mehrere Bände zu der mineralogischen Beschaffenheit der Felsmassive in der Steiermark heraus. So deuten die dargestellten Felsen zwar das Erhabene an, doch bergen sie das Hybride und Lebendige der dargestellten Materie und brechen so mit den romantischen Darstellungen und Verherrlichungen von Natur. Hier sind die Berglandschaften keine massiven unbeweglichen Gesteine, die das Unberührte und Unantastbare verkörpern. Durch ihr Flimmern, ihre Unruhe, ihre Ungreifbarkeit und Unendlichkeit (sowohl in ihrer vertikalen Tiefe, als auch in der horizontalen Breite) entblößen sie das Wesen eines Berges. Unter anderem die dahinterstehenden, stets fortschreitenden natürlichen Sedimentierungsprozesse als auch ihre potentielle menschliche Verwertung, beispielsweise in Form eines Bergwerks. In diesem Sinne vergegenwärtigt Taucher die menschliche Historie im Landschaftsbild. Auf eine Art folgt er somit dem Vermächtnis eines William Turners, erweitert es aber hinsichtlich der Berücksichtigung und angedeuteten Darstellung geologischer Prozesse. Taucher ruft uns die natürliche Existenz von Bergen und Landschaften in Erinnerung und konstruiert somit ein neues Bild, das uns erlaubt in das Innere zu schauen. In seinen Gemälden zeigt er Realitäten in Zeit und Raum, die dem menschlichen Blick sonst verborgen bleiben. Taucher schafft fiktive Topografien, die uns durch die dargestellte Materialität vertraut erscheinen. Sie zeigen aber auch Geschichten und Prozesse, die uns sonst visuell nicht zugänglich sind. Taucherverdeutlicht, dass Landschaften nicht mehr neutrale Umgebungen sind, sondern die Menschen unlängst einen Teil davon bilden, diese aktiv produzieren und gestalten. Berge und Felsmassive unterliegen keiner Hierarchisierung von materiellen und immateriellen, menschlichen und nicht-menschlichen "Dingen". Sie sind "gleichberechtigte" Naturstoffe, die ihrer eigenen Geschichtlichkeit folgen und je nach kulturellem Hintergrund des Interpretierenden anders gelesen werden. In den Werken von Josef Taucher werden die Betrachter*innen somit Zeug*innen von unterschiedlichen Ausdrücken der Naturgeschichte als auch historischen Phänomenen, die Hinweise auf menschliche Aktivitäten geben.

 

Taucher ist ein herausragender Maler. Sein Verdienst ist es, dass er dem Medium Malerei treu geblieben ist. Er hat es geschafft, die Komplexität der heutigen Wahrnehmung von Landschaft und Natur in der Malerei darzustellen, während andere Künstler*innen auf eine Vielfalt von Medien in Form von Installationen ausgewichen sind. In seinem Streben, uns die Natur in ihrer Tiefgründigkeit und Komplexität zu zeigen, ist es Josef Taucher gelungen, eine anspruchsvolle künstlerische Position in der zeitgenössischen Kunst einzunehmen. In diesem Sinne ist Josef Taucher für mich auch ein politischer Künstler. Denn in seinen Werken führt er die Dringlichkeit vor, da Verhältnis zur Natur zu überdenken, achtsamer mit der Umgebung umzugehen und das lokale Handeln im globalen Kontext zu betrachten.

 

 

Helene Romakin: Geologische Annäherungen in der Malerei von Josef Taucher. In: Ausstellungskatalog Josef Taucher, 20.9.-31.10.2018, Galerie Transit. Barbara B. Edlinger / Galerie Transit (Hg), Graz 2018, 10-13.

Helene Romakin, Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin, Berlin.