Josef Taucher. Bildhauerei. Sculpture.


Am Beispiel einer Christusfigur aus Pyroxmangit, Rhodochrosit und Rhodonit aus Dürnstein, Steiermark, Österreich.


1/2 Jesus

 

Einleitung

Mineralogie und Kunst gehen in der Geschichte unserer Kultur nur selten bewusst eine Symbiose ein. Wenn dies aber der Fall ist, ist stets mit außergewöhnlichen Ergebnissen zu rechnen. Gestein, besonders Marmor und hier speziell jener aus Carrara in Italien, ist in der europäischen Kunst seit der Antike und von Michelangelo BUONARROTI über Gian Lorenzo BERNINI (um die Bekanntesten zu nennen) bis in die heutige Zeit sehr häufig verwendet worden. Natürlich wurden und werden auch andere Gesteine für Kunstwerke eingesetzt. Auch Fassadenverkleidungen werden

bis in die heutigen Tage aus verschiedenen Gesteinen gestaltet. Eine spezielle Verwendung von Gestein ist Pietra paesina oder "Ruinenmarmor/Landschaftsmarmor", der von klassischen Fundstellen um Florenz und von aktuellen Fundstellen bei Torrente Ceno u. a. in Italien gefunden und zu Kunstobjekten verarbeitet wurde und wird (siehe in letzter Zeit z. B. LERGIER und BÖRNER, 2001).

Auf die Steiermark bezogen wurde schön blau gefärbter Lazulith beim Brunnenbau in Krieglach für die Auskleidung des Wasserbeckens verwendet. Auch aus "Pinolit"-Magnesit von Hohentauern wurden verschiedene kunstgewerbliche Gegenstände wie z. B. unterschiedlich große Vasen, hergestellt (siehe MOSER, 2006) und auch als Baustein (Stift Admont, Steiermark) verwendet. Auch aus dem Kalk von Maria Buch wurden ähnliche Gegenstände gefertigt. Ebenso wurden Kugeln aus verschiedenen Gesteinen hergestellt. Es handelt sich dabei aber immer um Gegenstände von zwar technisch hochwertigen (z. B. Kugeln), jedoch künstlerisch recht bescheidener Qualität.

Anders sieht dies bei den Arbeiten des international renommierten Künstlers Josef TAUCHER aus.

 

Über den Künstler

Josef TAUCHER ist primär für seine Malerei bekannt. Seine Darstellungen von Felslandschaften und Himmelsräumen hat weltweit nichts Vergleichbares in ihrer Qualität. Ein Beispiel dafür zeigt Abb. 1.

In den frühen 1980er Jahren war er einer der "Neuen Plastiker" in Österreich (Abb. 2) (mit Lois WEINBERGER, Erwin WURM, Hans KUPELWIESER, Thomas STIMM, Manfred WAKOLBINGER, Siegfried ANZINGER und einigen anderen) (siehe u.a. FENZ, 1984; SKREINER, 1985). Mitte der 1980er Jahre wandte er sich der Mineralogie zu. Die Ergebnisse dieser Tätigkeit sind allgemein bekannt (er verfasste mehrere hundert Artikel, einige Bücher (zuletzt mit Christine

Elisabeth HOLLERER 2001 das zweibändige Werk „Die Mineralien des Bundeslandes Steiermark in Österreich) und beschrieb 4 weltweit neue Mineralphasen usw.).

Seit 2000 betätigt er sich wieder hauptsächlich als Maler und hat seine mineralogische Arbeit stark reduziert (siehe FENZ, 2005).

 

Entstehungsgeschichte

Im Jahre 1994 wurde Josef TAUCHER zur Künstlerklausur in das Schloß Poppendorf, Steiermark, geladen. Dies war eine ähnliche Veranstaltung wie jene der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz, unter der Leitung

von Dr. Wilfried SKREINER, veranstalteten "Internationalen Malerwochen", zu welcher Josef TAUCHER 1980 geladen wurde (mit Lois WEINBERGER, Erwin BOHATSCH, Mladen STILINOVIĆ, László BARTHA, Maria Patrizia CANTALUPO, Verena RENGGLI, Thomas REINHOLD, Ableo Carmine LIMATOLA, Lojze CEMAZAR, János ERDÖS, Olivera GRBIĆ, Colin LANCELEY, Dominique SCHMIT und Joze SLAK) (SKREINER, 1980). Initiator der Klausur in Poppendorf war Josef FINK (Leiter der Galerie "Kulturzentrum bei den Minoriten" in Graz). Im August 1994 arbeiteten 10 Künstler 3 Wochen im Schloß Poppendorf, nahe Gnas in der Oststeiermark, unter dem Thema "Vasa Sacra et Casula".

Da die beiden renommierten Goldschmiede Peter SKUBIC und Wolfgang RAHS ebenfalls an der Klausur teilnahmen, begab sich Josef Taucher in seinen Überlegungen bezüglich seiner Arbeit auf "Abwege". Nach einer Denkphase und einigen Skizzen "mutierte" er zum "Herrgottschnitzer", was seiner grundsätzlichen Neigung entsprach (und  entspricht), Problematisches in der Kunst auf ihre zeitgemäße Machbarkeit hin zu untersuchen.

 

Konzeption

Nach mehreren Skizzen waren das Konzept sowie die Vorgangsweise der Herstellung klar. Josef TAUCHER entwarf eine 48 cm hohe Christusfigur, die, wie er es selbst ausdrückt "wie ein Stück Fleisch am Haken hängt". Der Leib hängt nach links gebogen und gekrümmt durch, die beiden Füße sind übereinander gelegt und wirken angenagelt. Die Schwerkraft dehnt dabei die Arme, die leicht überlang erscheinen, der Körper und die Beine werden, durch die angenagelten Füße, nach unten gestaucht und verbogen. Die beiden Arme sind krampfartig angespannt. Die linke Hand ist zur Faust geballt, die rechte zeigt die Handfläche. Das Gesicht ist nach oben gerichtet.

Hier liegt eine unglaublich genau beobachtete Darstellung vor ohne dabei bloß „nur realistisch“ zu sein und wie sie höchstens noch bei Mathias-Gothart-Nithart GRÜNEWALD im Isenheimer Altar (1511-1515), dem Hochaltar der Antoniter-Klosterkirche in Isenheim, Elsaß, zu beobachten ist (RUSSEL, 1982). GRÜNEWALDs Christus hängt, etwas aus der Mitte, aber ansonsten mit Körper und Beine gerade (senkrecht) am Kreuz. Zwar sind sowohl die Hände als auch die Füße vor Schmerz verkrampft, insgesamt aber erscheint Christus formal statisch. Bei GRÜNEWALD hingegen ist ein im Schmerz und Todeskampf in sich geschlossenes, erstarrtes Wesen zu beobachten.

Anders bei Josef TAUCHER. Christus ist hier erkennbar der Schwerkraft ausgesetzt und, im Gegensatz zu GRÜNEWALDs Christus, der im Tode erstarrt ist, noch lebendig. Er windet sich vor Schmerz. Es ist ungemein beeindruckend, dass Josef TAUCHER seinen Christus ohne Kreuz darstellt und man dennoch immer die Anwesenheit eines "unsichtbaren" Kreuzes spürt, aber auch erstaunlicherweise eine enorme Dynamik, welche jener von Superman gleichkommt.

Es gab und gibt Überlegungen, diesen Christus doch mit Hilfe von Nägeln an ein Kreuz zu "nageln". Ein Grund für diese Überlegungen wäre die leichtere Handhabbarkeit der Christusfigur. Mit Vorarbeiten hierfür wurde

bereits begonnen, ob diese zur Ausführung gelangen ist fraglich. Josef TAUCHER konzipiert statt dessen bereits eine weitere, am Kreuz hängende Christusfigur, sowie auch figürliche Wandverkleidungen an großen Wänden.

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen GRÜNEWALD und TAUCHER besteht auch in der Darstellung der Haut (Oberfläche). GRÜNEWALDs Christus zeigt eine mit malerischen Mitteln erzeugte geschundene, mit unzähligen Wunden überzogene, gelblich-grüne Haut eines Toten. Dadurch erreichte er eine Eindringlichkeit dieses qualvollen

Geschehens, welches uns noch heute in seiner Unmittelbarkeit zutieftst trifft.

Josef TAUCHER ging ähnliche, aber doch ganz andere Wege.

Er wählte als Haut/Hülle des Holzkernes ein Gestein aus Dürnstein, Steiermark [welches wahrscheinlich durch Mobilisation älterer Manganvererzungen entstanden ist, und an Granatquarzite in Glimmerschiefer gebunden ist (MEIXNER und CLAR, 1953; KORITNIG, 1972, WENINGER, 1976). Hauptsächlich liegen Rhodochrosit, Pyroxmangit, Rhodonit und Quarz vor. Weiters wurden von dieser Fundstelle noch "Amphibol", "Ankerit, "Apatit", Bornit, Braunit?, Chalkopyrit, Galenit, "Glimmer", "Granat", "Hornblende", Magnetit, Malachit, Manganit?, "Psilomelan" Pyrophanit, Spessartin und Tremolit beschrieben (siehe TAUCHER und HOLLERER, 2001)].

Dieses Gestein ist hauptsächlich durch seine unterschiedlich rosarote Farbe der verschiedenen Mn-Phasen ausgezeichnet. Weiße Quarzadern sowie die dunkelbraune bis oft auch schwarze Äderung durch meist amorphe Mn-Mineralphasen verleihen ihm eine Färbung und Strukturierung, die sehr stark an Fleisch, drastisch ausgedrückt, verwesendes Fleisch, erinnert. Diese Tatsache nutzt Josef TAUCHER um der Christusfigur, neben der formalen Darstellung, einen ungemein realistischen, nahezu schockierenden Eindruck beim Betrachter zu

erreichen. Diese Auffassung ist nahezu identisch mit der von GRÜNEWALD, obwohl dieselbe Wirkung von Josef TAUCHER mit völlig anderen Mitteln erreicht wird.

 

Ausführung

Josef TAUCHER entschloss sich, wie bereits oben erwähnt, einen Kern aus Holz mit einer Hülle aus geschliffenen und polierten Gesteinsplättchen zu benutzen. Das nötige Holz holte er sich aus den umliegenden Laubwäldern des

Schlosses Poppendorf. Das Gesteinsmaterial der Umhüllung verschaffte er sich von der bekannten Fundstelle aus

Dürnstein in Steiermark nördlich Friesach, nahe Neumarkt in Steiermark (siehe oben).

Zuerst wurde eine realistische, konventionelle Christusfigur aus dem Holz geschnitzt (Abb. 3). Diese wurde, um die Gesteinsblättchen auf dem Holz anbringen zu können, in einzelne ebene Flächen zerlegt, wodurch eine

"kubistische" Christusfigur entstand (Abb. 4). Diese Holzfigur wurde dann vollständig mit dünnen, geschliffenen und

polierten Gesteinsblättchen von Rhodochrosit (Pyroxmangit/Rhodonit) belegt. Diese Blättchen wurden auf der Schleifscheibe zurecht geschliffen, mit einer Gehrung versehen und aneinander gepasst und am Holz festgeklebt. Es entstand eine „kristalline“ Christusfigur (Abb. 5).

 

Zusammenfassung

Die rasch voranschreitende Profanisierung der Kunst hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Architektur der zeitgenössischen Kirchenbauten. Aus der religiösen "Glut" die in den barocken Kirchenbauten noch zu spüren ist, wurde rationales Kalkül. Damit wurden die Kirchenräume aber bis auf einige "künstlerische Akzente" leer. Die

farb- und lebenssprühenden Andachtsräume des Mittelalters und auch noch des Barock verwandelten sich im 20. Jahrhundert zu einer Art Warteraum. Auf die unwirklichen, mystischen Kirchenräume der Romanik und Gotik, aus den jubelnden Kirchenräumen des Barock folgten in unserer Zeit die sterilen, durchgestylten, nur formalistischen Kirchenräume. Die in diesen Räumen vorhandene Kunst entspricht selbstredend jener "kühlen" Religiosität. Hier ist die Kluft zwischen christlicher Religion/Geschichte/Kirche und zeitgenössischer Kunst sehr deutlich spürbar.

Josef TAUCHER stellt hier, wie auch in seinem übrigen Kunstschaffen, eine Ausnahme dar. Der mit dem Mn-Mineralien von Dürnstein in der Steiermark "überzogene" Christus ist (wie oben erläutert) äußerst „realistisch“ ausgeführt. Die Intensität der Darstellung wird jedoch von hoher christlicher Spiritualität begleitet.

 

Christine Elisabeth Hollerer (2007)




Provenienz

Im Besitz des Künstlers.

 

Literatur

CLAR, E. und H. MEIXNER, 1953: Das Manganvorkommen von Dürnstein (Stmk.) bei Friesach. Gesteine, Erze- und Minerallagerstätten Kärntens. Eine Auswahl.- Carinthia II, Naturwissenschaftliche Beiträge zur Heimatkunde Kärntens. Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereines für Kärnten. 143. Jahrgang der Gesamtreihe (63. Jahrgang der Carinthia II, 1. Heft). Verlag des Naturwissenschaftlichen Vereines für Kärnten, Klagenfurt. Druck. Ferd. Kleinmayr, Klagenfurt: 145-148. Signatur und Standort: Z133, Bibliothek des Referates für Mineralogie, Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz.

 

FENZ, W., 1984: Josef Taucher hat sich.... In: Neue Wege des Plastischen Gestaltens in Österreich.- Ausstellungskatalog. Steirischer Herbst ´84. 10. 10. – 11. 11. 1984, Künstlerhaus und Neue Galerie Graz; 27. 11. – 23. 12. 1984, Secession, Wien; Frühjahr 1985, Museum Bochum. Herausgeber: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz. Druck und Gesamtherstellung: Grazer Druckerei, Graz: S. 108-111.

 

FENZ, W., 2005: Der Berg ruft! Zur Bildgrammatik von Josef Tauchers Natur.- Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik, 101/XXVI. Jahrgang: S. 75-80 und S. 85-90.

 

KORITNIG, S., 1972: Pyroxmangit von Dürnstein/Steiermark und der Saualpe/Ktn.- Der Karinthin. Beiblatt der Fachgruppe für Mineralogie des Naturwissenschaftlichen Vereins für Kärnten zur Carinthia II: "Naturwissenschaftliche Beiträge zur Heimatkunde Kärntens", Folge 66: S. 268-273. Signatur: III 203334, Steiermärkische Landesbibliothek, Graz. Standort: Z11, Bibliothek der Abteilung für Mineralogie, Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz.

 

LERGIER, W. und K. BÖRNER, 2001: Landschaften in Stein: Pietra paesine – Marmor aus Italien. Bildersandstein aus Utah/USA.- Lapis. Die aktuelle Monatsschrift für Liebhaber & Sammler von Mineralien & Edelsteinen, Nr. 10, Jahrgang 26. Christian Weise Verlag GmbH., München. Herausgeber: Christian Weise. Druck: Format Druck GmbH & Co. KG, Rosenheim: S. 13-23. Signatur und Standort: Nr. Z92, Bibliothek des Referates für Mineralogie, Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz.

 

MOSER, B., 2006: Heimische Gesteinsarten in edlen Formen – Herbert Strimitzers Sammlung von Vasen und Schalen aus Stein im Schloß Trautenfels.- Der Steirische Mineralog, Sammlerzeitschrift für Mineralogie und Paläontologie,

Jahrgang 15, Nr. 20. Herausgeber: VStM Vereinigung Steirischer Mineraliensammler. Druck und Fertigung: Reha Druck, Graz: S. 45-46. Signatur und Standort: Z161, Bibliothek des Referates für Mineralogie, Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz.

 

RUSSEL, F., 1982: Der letzte Meister der Gotik. In: Dürer und seine Zeit.- Time-Life Bücher, 6. Auflage, Amsterdam: S. 16-31.

 

SKREINER, W., 1980: Werke der XV- Internationalen Malerwochen in der Steiermark.- Austellungskatalog. Steirischer Herbst ´80. S. 5. September 1980 – 12. Oktober 1980, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz. Herausgeber: Kulturreferat der Steirischen Landesregierung und Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz.

 

SKREINER, W., 1985: Josef Taucher´s Mountain World. In: Visitors II Los Angeles Summer – Styrian autumn.- Ausstellungskatalog. Municipal Art Gallery, Los Angeles, California.

 

TAUCHER, J. und Christine Elisabeth HOLLERER, 2001: Die Mineralien des Bundeslandes Steiermark in Österreich.- 1. Band und 2. Band. Herausgeber: Verlag C. E. Hollerer, Graz. Druck: Universitätsdruckerei Klampfer Weiz: 956 S; 1124 S.

 

WENINGER, H., 1976: 16 Dürnstein. In: Mineral-Fundstellen. Ein Führer zum Selbersammeln, Band 5, Steiermark und Kärnten.- Christian Weise Verlag/München und Pinguin Verlag/Innsbruck. Gesamtherstellung: Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck, Austria: S. 56-57. Signatur und Standort: Nr. B25, Bibliothek des Referates für Mineralogie, Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Graz.